Kunst aus den Ateliers · 23. Oktober 2026
Der Wächter über deine Träume
Wie der Tiger auf dem Mond in einer schlaflosen Nacht entstand
Von Laura Gilliar · 4 Min. Lesezeit

Manche Bilder plant man. Andere kommen in der Nacht und lassen sich nicht abweisen. Der Tiger auf dem Mond gehört zu den zweiten.
Es war eine dieser Nächte, in denen die Gedanken lauter werden, je stiller das Haus wird. Ich bin um zwei Uhr ins Atelier gegangen, nicht um zu malen, sondern weil es der einzige Raum war, in dem ich atmen konnte. Auf dem Tisch lag eine kleine Leinwand, grundiert in Nachtblau, seit Wochen unberührt.
Erst der Mond, dann der Tiger
Ich habe zuerst den Halbmond gesetzt, mit Blattgold, weil ich mir Licht gewünscht habe. Ein Halbmond, kein voller, denn ich war nicht in der Stimmung für etwas Vollständiges. Dann habe ich lange geschaut. Und der Mond sah aus wie eine Schale. Wie ein Ort, an dem etwas liegen könnte.
In vielen östlichen Kulturen ist der Tiger ein Hüter. Er bewacht Schwellen, Tempel, Übergänge. Ich habe ihn auf den Mond gelegt, ruhig, nicht sprungbereit. Ein Tiger, der wacht, muss nicht kämpfen. Er muss nur da sein. Als ich ihm die Augen gab, war es fünf Uhr morgens, und ich war zum ersten Mal in dieser Nacht ruhig.
Ein Tiger, der wacht, muss nicht kämpfen. Er muss nur da sein.
Wofür er da ist
Ich glaube, dass wir alle einen Wächter brauchen, nicht gegen die Welt, sondern für unsere Träume. Für das, was wir uns nachts erlauben zu wünschen und am Morgen wieder kleinreden. Der Tiger auf dem Mond bewacht genau das: die grossen, leisen Wünsche, die noch keinen Platz im Tag haben.
Das Bild hängt heute über einem Kinderbett, bei einer Familie, die es sich gewünscht hat. Die Mutter schrieb mir, ihr Sohn sage dem Tiger jeden Abend gute Nacht. Ich habe lange über diese Nachricht geweint, weil sie mir gezeigt hat, dass ein Bild, das aus einer schlaflosen Nacht kommt, jemand anderem beim Einschlafen helfen kann.
Vielleicht brauchst du gerade auch einen Wächter. Dann wünsche ich dir, dass du ihn findest, in einem Bild, in einem Menschen, oder in dir.
Wer bewacht deine Träume?
Von Herzen, Laura