Kunst aus den Ateliers · 19. Oktober 2026
Drei Wendepunkte, drei Kraniche
Wie die Kranich-Trilogie entstand, und warum das erste Bild fast nicht fertig wurde
Von Laura Gilliar · 5 Min. Lesezeit

Ich möchte dir heute von drei Bildern erzählen, die eigentlich eines sind. Und davon, dass ich beim Malen nicht wusste, dass ich meine eigene Geschichte male.
Der Kranich ist in vielen alten Kulturen der Bote zwischen Himmel und Erde. Er steht für Treue, für ein langes Leben, für den Mut, sich in die Luft zu geben, wenn nichts mehr trägt ausser den eigenen Flügeln. Ich habe ihn nicht ausgesucht. Er kam, an einem Abend, an dem ich eigentlich etwas ganz anderes malen wollte.
Der erste Kranich: losfliegen, trotz Angst
Das erste Bild zeigt den Augenblick, in dem du losfliegst, obwohl du Angst hast. Ich habe es dreimal angefangen. Zweimal war der Kranich zu schön, zu sicher, zu fertig. Ein Vogel, der schon weiss, dass er fliegen kann, erzählt nichts. Erst beim dritten Mal habe ich die Flügel offen gelassen, mit Stellen, an denen die Leinwand durchscheint. Da war er plötzlich echt.
Ich stand damals selbst an so einem Punkt. Ich hatte beschlossen, meine Kunst nicht mehr nur für mich zu malen, sondern sie zu zeigen, zu verkaufen, einen Raum dafür zu öffnen. Und ich hatte Angst. Nicht die laute Angst, sondern die leise, die dir sagt: Wer bist du, dass du das darfst.
Ein Vogel, der schon weiss, dass er fliegen kann, erzählt nichts.
Der zweite Kranich: dem Weg vertrauen
Das zweite Bild ist die Stunde, in der du dem Weg vertraust, ohne das Ziel zu kennen. Hier wurde das Blau tiefer, fast schwarz, und das Gold leuchtender. Ich habe gemerkt, dass Vertrauen nicht heisst, dass es hell wird. Es heisst, dass du weiterfliegst, während es dunkel ist.
Dieses Bild habe ich nachts gemalt, mit Blattgold, das nur bei Kerzenlicht zeigt, was es kann. Jedes Mal, wenn ich das Licht bewegte, verschob sich das Bild. Das hat mich beruhigt. Nichts ist fest, und genau deshalb kann alles werden.
Der dritte Kranich: wissen, wer du bist
Das dritte Bild ist der Tag, an dem du weisst, wer du bist, ohne es jemandem beweisen zu müssen. Der Kranich steht hier, er fliegt nicht. Er ist angekommen, aber nicht am Ziel, sondern bei sich. Es war das Bild, das am schnellsten entstand, in einem Nachmittag, fast ohne Pause.
Als die drei nebeneinander an der Wand hingen, habe ich zum ersten Mal verstanden, dass ich sie in der falschen Reihenfolge gemalt hatte: Ich hatte beim Losfliegen begonnen, während ich innerlich noch beim Vertrauen hing, und das Ankommen vorgezogen, weil ich es mir so sehr wünschte. Kunst ist manchmal schneller als wir.
Was die Trilogie heute für mich ist
Die drei Kraniche hängen bei mir im Atelier, und ich schaue sie an, wenn ich wieder vor einem Wendepunkt stehe. Jedes Mal ist ein anderer der drei gerade der wichtigste. Vielleicht geht es dir ähnlich, wenn du sie siehst. Welcher Kranich bist du gerade?
Welcher der drei Kraniche bist du gerade?
Von Herzen, Laura