soulful art & more · Der Kreis für Kunst und KreativitätVon Hand entworfen, von echten Künstler:innen3 Ateliers sind schon im KreisEinmal im Monat kostenlos live aus den AteliersFolge deiner Künstler:in und erfahre zuerst von neuen WerkenEin Teil jedes Kaufs geht an OceanCare
sulful art & more
← Zurück zum Magazin

Botschaften aus dem Atelier · 31. August 2026

Ich habe meine Ängste gemalt

Warum Heilung damit beginnt, hinzuschauen

Von Laura Gilliar · 4 Min. Lesezeit

Gemaltes Bild mit einem verschwommenen Pfad, über dem ein Blick wacht

Ich möchte heute etwas sehr Persönliches mit dir teilen.

Vor kurzem habe ich ein Bild gemalt, und zwar eins, das etwas anders war als sonst, wo ich doch häufig kleine Blumen oder andere kleine Motive in grösseren verankere. Dieses Mal schien jedoch alles düsterer. Ein Pfad hat sich mir offenbart, doch schien er zunächst verschwommen, und als ich begann ihn zu gehen, da fühlte ich mich auf einmal beobachtet, als würde ein Augenmerk von oben auf mich gelegt werden.

Das, was du hier im Bild siehst und was ich soeben beschrieben habe, ist meine Angst vor dem Autofahren. Woher sie kam, weiss ich nicht genau, doch hat sie mich nicht selten gelähmt, wenn ich als Beifahrerin das Gefühl hatte, die Kontrolle zu verlieren, oder als Fahrerin im Übermass von schrecklichen Gedanken geplagt war.

Dabei habe ich das Gefühl, dass die Angst vor dem Fahren ebenso eine Angst vor dem Fallen ist, denn Höhen rauben mir seit jeher auch den Atem. Ob beim Autofahren oder in der Höhe, oftmals hatte ich das Gefühl, dass ich weiche Knie oder schwitzige Hände bekomme. Wenn es extrem wird, dann kann es auch sein, dass ich mich nicht mehr richtig in meinem Körper verankert fühle, als wäre ich eine blosse Zuschauerin.

Und als ob das nicht schon genug wäre, sehe ich eben diese ganzen Blicke, die auf mich gerichtet sind und die sich sogar noch verurteilend anfühlen. Fast schon peinlich ist es mir dann, dass ich etwas scheinbar „Normales“ nicht so leicht hinbekomme wie andere.

Meine langjährige Strategie: Wegschauen

Vielleicht fragst du dich, wie ich es dann hinbekommen habe, Auto zu fahren, wenn ich in gewissen Situationen einen grossen Anflug von Stress verspüre. Die Antwort ist einfach und irgendwie ernüchternd: gar nicht. Obwohl ich mit achtzehn Jahren meinen Führerschein gemacht habe, habe ich irgendwann beschlossen, einfach kein Auto mehr zu fahren, ebenso wie ich beschlossen habe, grosse Höhen zu vermeiden. Warum sollte ich mich überhaupt dem aussetzen, was dazu führt, dass ich wackelige Knie bekomme?

Nun, das hat irgendwie lange geklappt, vielleicht auch, weil ich viele Jahre in München gewohnt habe, einer grossen Stadt mit guter Infrastruktur. Doch als ich gespürt habe, dass ich mich weiterentwickeln wollte und sich mir dabei Chancen gezeigt haben, die jedoch einen Umzug erforderten, war ich mit einem Male wieder mit dem Thema Fahren konfrontiert.

Nicht nur habe ich an Orten gelebt, wo es selten war, dass ein Bus regelmässig vorbeikommt, ich habe im Rahmen meiner Karriere als Innenarchitektin auch zunehmend mehr Verantwortung übertragen bekommen, wobei Autofahren eine Voraussetzung war.

Plötzlich musste ich mich entscheiden.

Ich musste mich also entscheiden: persönliche und berufliche Weiterentwicklung oder Stagnation? Jeder „vernünftige“ Mensch hätte sich natürlich augenblicklich für die Weiterentwicklung entschieden, doch fiel mir diese Entscheidung nicht so leicht, wie ich es mir gerne gewünscht hätte. Denn alleine schon bei dem blossen Gedanken daran, durch hektischen Berufsverkehr zu fahren, bekam ich wieder wackelige Knie.

Ich habe mit vielen meiner engsten Menschen viele Gespräche geführt und darf mich glücklich schätzen, dass sie alle in mir das sahen, was ich nicht sehen konnte. Durch den erhaltenen Support habe ich schliesslich eine Entscheidung getroffen: Konfrontation, doch zu meinen Bedingungen.

Ich habe etwas tief in die Tasche gegriffen und wieder ganz normale Fahrstunden genommen. Dabei bin ich ganz offen an den Fahrlehrer herangetreten, der mir direkt eine Botschaft übermittelte, die mich nicht schlecht hat erstaunen lassen: Ich bin bei Weitem nicht die Einzige, die aus der Angst heraus neue Fahrstunden nimmt. Mehr noch, er hat mir Mut gemacht und mich gelobt, da ich durch meine Entscheidung für mehr Sicherheit auf den Strassen sorge.

Es ging wieder bergauf, dieses Mal ohne zittrige Knie

Ab da hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass meine Ängste nicht mehr zwischen mir und meiner Weiterentwicklung stehen. Ich habe Verantwortung für mich übernommen, und von diesem magischen Moment zehre ich immer noch. Zwar habe ich immer noch durchaus Respekt vor dichtem Verkehr mit allem, was dazugehört, doch wenn ich heute fahre, dann im Wissen darüber, dass ich mich als Innenarchitektin selbst verwirkliche und darüber hinaus noch persönlich viel Freiheit und Mobilität zurückgewonnen habe.

Ich habe gelernt, dass mich meine Angst nie zurückhalten wollte, sondern unermüdlich auf den Aspekt hingewiesen hat, in dem ich mich weiterentwickeln durfte, um mehr diejenige zu sein, die ich wirklich bin.

Carl Gustav Jung hatte dafür ein kraftvolles Bild: den Schatten. Was wir nicht anschauen, verschwindet nicht, sondern wirkt einfach im Dunkeln weiter.

Mir zeigt dies, dass der Weg nicht um die Angst herumführt, sondern mitten durch sie hindurch. Der Weg mag zwar düster scheinen, und dennoch offenbart er sich dir, wenn du beginnst, ihn zu gehen. Die Angst beobachtet dich dabei bei jedem Schritt und prüft, ob du wirklich bereit bist, durch sie hindurchzutreten, auch wenn der darauffolgende Schritt noch nicht gewiss ist. Doch was zuvor wie verurteilende Blicke gewirkt hat, hat sich nun in eine liebevolle Führung verwandelt, die uns dabei hilft, unsere Sehnsüchte zu verwirklichen.

Eine Erkenntnis nach der anderen hat sich mir seitdem offenbart. Wo vorher die Angst war zu fallen, erkannte ich fortan die Sehnsucht nach Halt. Wo vorher die Angst war, allein zu sein, offenbarte sich die Sehnsucht nach Gemeinschaft. Ich habe angefangen, Verantwortung für meine Sehnsüchte zu übernehmen und mich auf die Reise zu begeben, sie in meinem Leben zu verwirklichen. Immer klarer wurde mir, dass ich dies dank der Angst geschafft habe, denn die Angst hat mir geholfen, den ersten Schritt zu setzen.

Mut heisst nicht, keine Angst zu haben

Mein Bild hat meine Ängste nicht gelöscht. Ich werde vermutlich weiterhin (mehr oder weniger) ungern Auto fahren, doch sind meine Ängste nun keine gesichtslosen Riesen mehr. Sie sind Figuren auf einem Blatt, gemalt von meiner eigenen Hand. Ich kenne sie jetzt und danke ihnen für das Bewusstsein, welches ich durch sie hindurch entfalten durfte.

Vielleicht ist Mut nicht unbedingt der eigentliche erste Schritt, sondern der Moment, in dem du dich dazu entscheidest hinzuschauen und dich zu fragen, weshalb du überhaupt diesen Weg gehen möchtest.

Was ist es, wonach du dich wirklich sehnst?

Von Herzen, Laura